Selbsteinschätzung - liegt die im Blut oder wo?

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filou2

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Ich sitz heut antriebslos und reif für die Insel am Sofa und bedaure, dass ich meinem Vierbeiner keine Koppelruhe gönnen darf, sondern ihn zumindest füttern und pflegen muss. Er muss einfach seine Medikamente etc. bekommen. Reiten ist nicht (Sehne wieder dick, führen auf hartem Boden darf ich derzeit wegen einer anderen Sache nicht) und somit für ihn Urlaub.
Also hab ich viel Zeit zu philosophieren:

Es gibt Menschen mit unglaublich großem Pferdeverstand, es gibt welche, die reiten wohl im Blut haben, wie so steife Wesen wie ich es niemals mehr lernen werden. Die lassen wir mal beiseitg. Es gibt ja schließlich ganz viel mehr andere:

  1. So "Normalos", die beim Reiten und beim Umgang ackern, grübeln, versuchen, das beste zu geben und sich langsam weiterentwickeln, immer wieder mal an einen Punkt kommen, wo sie meinen, ihre Grenzen seien erreicht, es ginge nichts mehr, dann wieder gute Phasen haben, nach eine erfolgreichen Unterrichtsstunde oder wenn der Tierarzt sagt, sie hätten im akuten Fall absolut richtig gehandelt, einfach nur "Hurrah" schreiben möchten. Über die spricht man wenig, aber mit denen spricht man, mit denen fühlen sich 80% aller Freizeitreiter, egal ob mit oder ohne Turnierambition "verwandt".
  2. Die nächste Gruppe ist die derer, die im Selbststudium lernen (lassen wir mal außen vor, dass das nicht der Optimalfall ist), sich in der jetzigen Entwicklungsphase kaum auf dem Pferd halten können, weil sie nie gelernt haben, sich auszubalancieren, vielleicht noch meinen, sie würden eine andere Reitweise reiten, das sähe eben so aus, die in der Halle alle anderen für rücksichtslos halten, weil sie selbst keine Hufschlagfiguren hinbringen, aber meinen, alle anderen reiten kreuz und quer, die sich aber im Umgang genausowenig zu helfen wissen, von ihren Pferden nur vera... werden. Über die spricht man - selten gutes. Die quälen ihre Pferde nach Meinung der anderen. Inwieweit inkoordiniertes Reiten das Pferd quält, sollte sich der Tierarzt und oder Ostheopat äußern, es ist die Frage, ob wir das beurteilen können. Das Pferd findet die Probleme im Umgang, deretwegen es selbst die Macht hat, sicher super. Wenn derjenige mit der Peitsche dagegen angeht, findet das das Pferd natürlich nicht mehr gut, aber darüber ist sich die restlicher Reiterwelt auch einig.
  3. Und dann gibt es die, die mich wütend machen. Vielleicht aus aktuellem Anlass. Die, die sich für Gott im Sattel halten, die mir mit meinen 23 Jahren Reiterei und auch vielen Fehlern, die ich gerne zugebe, sagen, ich müsse zum Training mein Pferd "aufnehmen" und bei denen sich dann rausstellt, "aufnehmen" heißt nicht, von hinten an die Hilfen reiten, wie ich es gelernt hab, vielleicht nicht gut umsetze, sondern es heißt bei denen, das Tier vorne so aufzurollen, dass es dauernd seine Fellwirbel auf der Brust anstarrt und damit es sich noch irgendwie bewegen kann, haut man hinten den Absatz ins Pferd oder so. Eine Reiterkollegin, die mit mir letztens über die Reiter in einer L-Dressur "gefachsimpelt" hat, ließ ich auf mein Pferd. Bei der L gab sie mir noch Recht, als ich sagte "au wei, jetzt fängt er an, sich aufzurollen. Schade, so schön gelaufen bis jetzt, hoffentlich bringt sie den Schub her, ihn wieder von hinten her an die Hand zu reiten." Als ich sie dann reiten sah, wurde mir schier schlecht und ich überlegte, ob sie mir nicht recht gab, weil sie gar nicht weiß, was aufrollen ist und dass man das vermeiden sollte. Oder hat sie sich was ganz anderes vorgestellt? Normal lass ich mein Pferd in Ruhe, wenn jemand anders drauf saß. Da sprang ich sofort nochmal drauf und ritt ihn wieder in die lang erarbeitete, gute Dehnungshaltung, nahm von dort aus einmal auf bis er sauber an den Hilfen stand, machte dann Feierabend. Er guckte nach mir deutlich zufriedener als unter und nach ihr, obwohl ich wirklich keine Reitgröße bin. Hab zwar viel gelernt, kann es aber nicht so umsetzen, wie ich möchte. Sie hingegen maulte, als ich drauf saß, rein, ich soll jetzt endlich mal mein Pferd aufnehmen, der müsse jetzt mal kapieren, dass er arbeiten muss etc. Vorher hatten wir ein gutes Verhältnis, aber da war ich nur noch sprachlos und das Verhältnis kühlte um einige Grad ab. Meint Ihr, über sowas könnt man im Stall sprechen? Sofort heißt es, ich wär auch nicht so gut. Klar, bin ich nicht, aber ich versuche, an mir zu arbeiten, wenn mein Pferd aus der Biegung ausfällt, während diese Leute meinen, das Pferd alleine müsse dran arbeiten.

Wie geht Ihr mit den verschiedenen Leuten um?
Beobachtet Ihr auch oft, dass man meiner Gruppe 2 im allgemeinen Reitstallgetratsche mehr Unrecht tut als der Gruppe 3? Ich finde, man darf die nicht mit zweierlei Maß messen, aber irgendwie kommt es doch immer raus, dass der Normalo, der seinen Blick dafür schult, den der langsam lernt, vielleicht auch im Selbststudium mehr missbilligt als den, der meint, er könne alles, das Pferd müsse nur kapieren, dass er oben sitzt. Im Gespräch werden nach meiner Beobachtung oft genau diese Leute "hofiert", die sich "durchzusetzen wissen". Man hinterfragt nicht, warum der da oben am Ross so viel Druck macht, ob es den Druck überhaupt braucht. Wenn jemand dominant tut, nimmt man an, er hätte ein schwieriges Tier unter sich, hätte es aber voll im Griff. Ich muss dann immer lachen, wenn auf dasselbe Tier eine zierliche Person steigt, es sauber an den Hilfen hat und mit ganz leichten Hilfen super reitet - nur versteht dann immer kaum jemand den Witz, über den ich lache.

Ok, so nah an der Selbsteinschätzung bin ich nun nicht geblieben, aber dafür ist die Philosophie ja da, dass man mal über den Tellerrand eines Themas schaut.
 
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Wunschtraum

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Ich denk auch, dass der Großteil zu Gruppe 1 gehört. Diese Leute sind mir eigentlich am liebsten, weil sie auch mal Tips und Ratschläge annehmen und auch offen für Kritik sind.

Gruppe 2 und 3 kann man finde ich, nicht so ganz abgrenzen. Weil das Unwissen von Gruppe 2 genauso Schäden hervorruft wie das von Gruppe 3. Sicher ist es schlimm, das Leute bewusst so handeln und ihre Pferde nicht korrekt reiten. Leider ist es jedoch oft so, dass durch Gruppe 2 ziemlich gefährliche Situationen entstehen, weil sie eben keine Ahnung haben. Gruppe 3 hat ihre Pferde "im Griff" und die Pferde sind halbwegs erzogen. Hier würde ich dann sagen, dass der eigenen Ehrgeiz über dem Wohl des Pferdes steht.

Bei Leuten der Gruppe 2 versuche ich immer die Leute auf ihre Fehler aufmerksam zu machen und ihnen Tips zu geben, wie sie sich verbessern können, was anders gemcht werden kann/muss. Leider stößt das meistens auf völliges Unverständnis... Weil nein, man kann dem Pferd nicht einen Klaps geben, wenns nach einem schnappt...
Bei Gruppe 3 hilfts ja eigentlich recht wenig was zu sagen. Aber ab und zu wird dann schon mal eine zweideutige Bemerkung angebracht, die mit bösen Blicken kommentiert wird :)

Ich würde die Leute aus beiden Gruppen als "Beratungsresistent" beschreiben. :D
 
filou2

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Ja, das sind sie wohl. Grade hatte ich ein Gespräch mit einem Gruppe-2/3-Reiter. Der Übergang ist echt fließend. Ich, 23 Jahre Pferdeerfahrung, etwa die Hälfte dieser Jahre zwei Stunden Reitunterricht wöchentlich gehabt, meist nicht so wahnsinnig talentiert im Umsetzen, aber eben, naja. Er reitet angeblich mexikanisch, was wohl ein Euphemismus für seinen katastrophalen Sitz sein soll. Hufschlagfiguren? Nö, der trifft nicht mal ganze Bahn. Da reitet er auch drei Ecken einigermaßen und schneidet die vierte so ab, dass man ihm am 27. Hufschlag im Weg ist.
Am Montag hat er mich reiten sehen und spricht mich heute drauf an, warum ich nur Schritt reite. Immerhin, die Grundgangarten kennt er.
Drauf sag ich, dass ich ja einen Unfall hatte und bisher nicht wieder mehr machen kann, aber dass es im Schritt auch genug zu tun gibt und grade für die Gymnastizierung meines Pferdes wolle ich eine Stunde bei der Reitlehrerin nehmen, auch wenn ich nur Schritt reiten kann, weil wenn man nicht weiß, wie man es anfangen soll, dass genau der eine Muskel besser angesprochen wird, kann man ja soooo viel falsch machen (Winke, winke, ich bin ein Zaunpfahl! Du bitte auch mal Stunde nehmen!).
Drauf sagt er "Ja, des stimmt scho, a im Schritt ka' ma' was lernen. Ganz wichtig san ja immer die Hufschlagfiguren. Die musst wissen. Aber dafür brauchst ja net zur Reitlehrerin. Da kann i Dir a Buch mitbringa, da san Bilder davo drin." NEIN!!!!!!!!
Ich hab Glück, dass ich jetzt zuhause bin, war so traumatisiert, dass es auch gut passieren hätte können, dass ich versehentlich nach Salzburg fahr.
 
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